Wie sieht die Behandlung einer Anorexia nervosa auf unserer Station aus?

Da Patienten mit Magersucht es aufgrund ihrer Erkrankung oft nicht schaffen, ohne fremde Hilfe zuzunehmen, schließen wir mit Ihnen einen Gewichtsvertrag. Dieser beinhaltet anfangs Einschränkungen vor allem des Ausgangs von Station wie auch der Teilnahme an den Therapien. Dies macht Sinn, weil Magersüchtige sich oft trotz ihres starken Untergewichts zuviel bewegen und bei starker Abmagerung durch die Therapieanforderungen überfordert sind (auch wenn es sich für die Betroffenen oft trotz drastischen Untergewichts nicht so anfühlt). Im Gewichtsvertrag werden Gewichtsschritte, je nach indviduellem Ausgangsgewicht, vereinbart. Wenn Sie diese erreichen, werden die Einschränkungen schrittweise gelockert. Die Aussicht auf diese positiven Konsequenzen hilft Ihnen, Ihre Widerstände beim Essen zu überwinden.

Zur Förderung der Gewichtszunahme wird im Gewichtsvertrag bei einem BMI unter 17,5 kg/m² oft auch eine Zusatzernährung mit Fresubin (hochkalorische Flüssignahrung), meist mit anfangs 2-3 x 500 ml täglich, vereinbart. Dieses muss unter Aufsicht getrunken werden. Damit kann schon eine Gewichtszunahme und gesundheitliche Stabiliserung erreicht werden, obwohl das Essverhalten noch gestört ist. Auch die Zusatzernährung wird beim Erreichen vereinbarter Gewichtsschritte, meist zwischen mindestens 500 und 1000 g/Woche, schrittweise reduziert und fällt dann ganz weg.

Um die ständige Beschäftigung mit dem Gewicht zu verringern, werden magersüchtige Patienten nur 1-3 x pro Woche gewogen.Natürlich konzentrieren wir uns nicht nur auf die Gewichtszunahme, sondern auch auf das Essverhalten und auf die Hintergründe der Magersucht. Zur Verbesserung des Essverhaltens führt der Patient ein Essprotokoll, das regelmäßig besprochen wird, und erstellt Essenspläne. Auch Ess-Brech-Anfälle werden dabei thematisiert. Die Patienten nehmen die Mahlzeiten gemeinsam im Aufenthaltsraum ein und können auch ihre Freizeit gemeinsam gestalten. Pflegepersonal und Ärzte sind ständig anwesend bzw. erreichbar.

Um einen neuen wohlwollenden Zugang zum eigenen Körper zu erlernen, wird bereits in den ersten Therapiewochen mit einer Körperwahrnehmungstherapie begonnen.
Aktuelle Probleme und frühere Erlebnisse, die im Zusammenhang mit der Magersucht stehen, können in der Einzel- und Gruppentherapie besprochen werden. Meistens hat der Patient zu Anfang zwei Einzelsitzungen pro Woche und nimmt bei Einhaltung des Gewichtsvertrags schrittweise an den weiteren, vorstehend genannten Therapien und insbesondere auch an der Gruppentherapie teil.

Wenn ein Familienmitglied magersüchtig ist, finden sich meist Spannungen, Konflikte und Enttäuschungen in der Familie, die für alle Beteiligten schmerzhaft sind. Es ist dann sinnvoll, etwas mehr Abstand zueinander einzunehmen, um wieder mehr zu sich zu finden. Dies kann helfen, bei erneutem Kontakt anders und besser miteinander umzugehen. Wir vereinbaren deshalb häufig im Einverständnis mit bzw. auf Wunsch des Patienten im Verlauf der Therapie eine Kontaktsperre (Besuche und Telefonate) mit den Familienangehörigen für eine oder mehrere Wochen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir die Angehörigen ausgrenzen wollen. Vielmehr bieten wir auch an, in der zweiten Therapiehälfte mit Ihnen und den Angehörigen ein Familiengespräch zu führen.

Das beschriebene Therapiekonzept umfasst moderne als wirksam anerkannte und wissenschaftlich begründete Behandlungsmethoden. Natürlich gibt es keine Erfolgsgarantie; wir sind aber sicher, dass Sie von einer stationären psychosomatischen Behandlung profitieren können, wenn Sie eine Veränderung wirklich wollen und sich auf eine gemeinsame Arbeit daran einlassen können. Sollten Sie sich zu einer Behandlung auf unserer Station entschließen, werden wir Sie hierbei engagiert begleiten. Wir gehen bei der stationären Behandlung einer Anorexia nervosa - abhängig vom Schweregrad der Erkrankung - von einer mindestens 8-wöchigen Behandlung aus.

In einer Lehrküche wird das gemeinsame Kochen und Essen erprobt und es soll das nahrungsbezogene Vermeidungsverhalten überwunden werden.
In einer Lehrküche wird das gemeinsame Kochen und Essen erprobt und es soll das nahrungsbezogene Vermeidungsverhalten überwunden werden.